Tuesday am Dienstag-is et die possibility?

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Erzähl doch mal“- bekannt aus diesen Journalbüchern, die es so gibt, und die man werdenden Eltern/Großeltern so schenkt, damit die für ein Neugeborenes Erinnerungen aufschreiben, die es dann später lesen kann.

Wie seid Ihr zum Stricken gekommen? Was war Auslöser?

Gab es einen Anlass oder hat Euch ein lieber Mensch infiziert?

Hm, und wieder kommt die Dienstagsfrage vom lieben Wollschaf

Wie kam das bei mir mit dem stricken?

 

Es war ein nasskalter Frühling in diesem Jahr 2005. Man fror sich den Arsch ab und die Sehnsucht nach Schals war groß. Tücher fand ich spießig, ein Strickschal sollte es sein. Aber die fertig zu kaufenden Modelle überstiegen vom Preis her mein damals recht begrenztes Budget und die, die ich mir leisten konnte- das war mir zu öde, ich wollte was Individuelles. Es war also Zeit, an meinem alten Handarbeitstrauma zu rütteln.

In der Schule wollte ich gerne im Handarbeitsunterricht aktiv teilnehmen, nur mir als Linkshänderin zeigte niemand so recht wie es funktioniert. Die meisten anderen Mädchen des Kurses waren durch Muttis und Omas schon geprägt. Dies traf bei mir nicht zu. Ich versuchte, von meiner Mutter das Stricken zu erlernen- die konnte das zwar, und sie ergab sich auch in den 80er Jahren der Nadelarbeit wie all ihre Freundinnen aus dem Kegelclub. Glücklich erschien mir meine Mutter damit jedoch nie, sie war auch nie wirklich geduldig genug. Weder mit sich noch mit den Stricknadeln. Und sie war eigentlich nicht Typ, der still zuhause nadelt. Vom Temperament passten da ihre anderen Hobbies eher zu ihr. Das Ergebnis war:  Nach einem oder zwei Pullovern warf sie die Nadeln in die Ecke und sie hatte aber auch nicht die Nerven, mir deren Handhabung zu erklären und so versandete diese Sehnsucht, sie wurde mir regelrecht ausgeredet. Ich war unzufrieden damit, genau wie mit der Tatsache, nicht Nähen gelernt zu haben- meine weiblichen Anverwandten trugen lieber schicke Kleidung als dass sie diese selber herstellten und somit war mir auch hier eine klassische Lernquelle verwehrt. Die Frauen unserer Familie waren bis zu mir eher nicht die Handwerklichen, die Handarbeitenden. Und dann schlug bei mir das DIY-Gen aus der väterlichen Linie durch. Hatte kein Mensch mit gerechnet. Ich am allerwenigsten. So wurde ich erwachsen und habe sicherlich auch einige Jahre nicht aktiv übers Handarbeiten nachgedacht, auch weil mein Interesse zwischenzeitlich eher in Richtung Lesen und Partymachen ging. Losgelassen hat mich das Thema aber nie ganz. Es dauerte jedoch lange, bis sich in mir der Gedanke festsetzte, dass ich das auf jeden Fall lernen will- und werde.

 

Nun stand ich also 2005 am Wollgrabbeltisch bei Karstadt, nachdem ich schon dreimal den Lana Grossa Laden in der Friedrichstraße aufgesucht und mir schnippische Antworten auf meine Anfängerfragen eingefangen hatte.- damals waren Wollgeschäfte nur was für „Profis“ und so unerfahrene Handarbeiterinnen wie ich verschwanden gerne in der damals schlecht ausgestatteten aber dankenswert anonymen Handarbeitsecke diverser Kaufhäuser. Dies hat sich ja erfreulicherweise gebessert, sowohl Karstadt als auch Kaufhof bieten mittlerweile eine gute Auswahl herkömmlicher Garne an und sind eine nette, schnell erreichbare Alternative zu den kleinen feinen Garnläden, die ich ebenso schätze- aber ich mag mein Angebot breit gefächert. Ich persönlich hab da eh wenig Dünkel. Ich geh gern zu Wolle Rödel und nehm auch mal ne gute Mikrofaser mit. Aber mein Anspruch an Garne hat sich schon stark verändert, gerade auch, seitdem ich selber Garn spinne.  Ich stand also da und von dieser schönen quietschpinken Acrylwolle mit einem Schurwollanteil von ZWANZIG Prozent ( uiuiui) ging ein magisches Leuchten aus. Ich sah den fertigen Schal schon vor mir und schleppte 5 Knäuel zum Preis von je 1,50 Euro nach Hause, ohne Ahnung von Qualitäten, Lauflängen und Partienummern. Es wurde mein Lieblingsschal. Ich habe den erst vorletztes Jahr weggeschmissen, obwohl ich  ihn liebte. Ich ziehe keine Polyschals mehr an. Oder richtiger: Bei Jacken oder Socken habe ich mit Polyamid und Co. keine Probleme, aber am Hals, auf der Haut…. NÄH!

Wo war ich…ahja: Also häkelte ich  im Schweiße meines Angesichts unter den belustigten Augen meines damaligen Freundes einen zwei Meter langen Pinken Flabberwurm aus Doppelstäbchen. Ging flott, sah divamäßig schräg aus und ich war stolz wie Oskar. Als ich den fertiggestellt hatte und um den Hals legte, da machte etwas in mir KLICK, wie ein Scharnier, das richtig einrastete. Ohne Scheiß Quatsch, ich war ganz bei mir und ließ mich auch durch die Lachsalven meines Exfreundes Oliver und die spitzen Bemerkungen meines Vaters nicht beirren, der mich nach dem x-ten Schal fragte, ob ich auch was anderes stricken oder häkeln könnte. Ich blieb zunächst bei Schals, allerdings wurde ich mustermutiger und das Ein oder Andere ging schief. Aber in den Folgemonaten fertigte ich  Pullover und sogar Kleider. Da war so manches schief und krumm, Nähte nicht ordentlich und sicherlich die Passform auch eher in Nähe der saloppen Kaffeefilter-A-Linie. Das störte mich damals nicht, ich hab die Dinge mit Fehlern drin getragen und dachte immer nur „Ich hab das Muster ausgesucht und mit anderen kombiniert, ich hab die Farben ausgesucht und ich hab das Ding gemacht- ÄTSCHIBÄTSCHI…..“ Dann wurden die ersten Komplimente eingeheimst (sogar auf offener Straße)…wie ehrlich die dann gemeint waren, kann ich nicht sagen. Aber die meisten Menschen waren eh erstaunt, dass ich alte Partynase und Piercingglitzertussi handarbeite- und das auch noch öffentlich bekenne. Irgendwann begann ich dann, mir ein, zwei Handarbeits-Bücher zuzulegen  ( die ich heute noch begeistert nutze) und zusammen mit einer Freundin das Stricken richtig zu erlernen, nachdem ich Frau Gnomenhexe  erstmal vollmundig erklärt hatte, wie man rechte Maschen strickt- und sich dann bei der Lektüre besagter Bücher herausstellte, dass ich da verschränkte rechte Maschen als vermeintliche einfache rechte Maschen erklärt hatte.  Was haben wir gelacht. Und jeder Fehler machte uns schlauer. Manchmal natürlich auch frustriert, aber eigentlich nicht lange. Die Entwicklung nahm rasch an Fahrt auf. 2007 Ravelry entdeckt, sofort ein Blog mit der Gnomenhexe, von der ich mich später blogmäßig und  auch freundschaftlich getrennt habe gestartet ,2010 Sockenkurs (eine neue Ära begann, einer meiner sehnlichsten Wünsche erfüllte sich. Selbst gestrickte Socken in allen möglichen Variationen),2011 mit dem Spinnen angefangen, im gleichen Jahr eine Nähmaschine gekauft und das Wollefärben angefangen- und seitdem hänge ich total an der Nadel. In more than one way. Und ich bereue nur eines: Zu wenig freie Zeit.

Ich bin nicht mehr so nachsichtig mit mir und werde langsam immer penibler, wenn etwas nicht nice’n neat genug ist, dann ribbele ich mittlerweile. Aber den unbekümmerten Angang an Projekte und die Lust, Neues auszuprobieren habe ich nicht nur behalten, das nimmt von Jahr zu Jahr zu. Dazu kommt das Bewusstsein, Dinge gemeistert/Fertigkeiten erlernt  zu haben, von denen mir mal gesagt wurde“ Das ist nix für Dich“. Witzig ist, dass das ein Thema in meinem Leben zu sein scheint, denn auch das Singen, dass mich ja mittlerweile so glücklich macht, wurde mir von Zuhause regelrecht ausgeredet. Also, ich kann immer nur sagen: wenn Dir was in den Sinn kommt, dass Du ernsthaft ausprobieren möchtest: MACH ES .

Wir werden am Ende unserer Leben nicht ins Grab steigen und sagen „ Achje, ich  hab zu viele schöne Dinge kennen gelernt in meinem Leben“ oder „ Mist, ich war zu kreativ“. wenn der Bauch sagt: Ich möchte das lernen, dann kann ich das lernen. Vielleicht nicht perfekt. Aber das ist ja das Geheimnis vom kleinen Glück: Es ist nicht perfekt, hält aber irre lange.

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3 thoughts on “Tuesday am Dienstag-is et die possibility?

  1. Froggie

    Was für eine herrliche Geschichte und so lustig erzählt! Ja, die Dinge des Lebens können schon spaßige Verläufe haben – man muss sich nur drauf einlassen, wenn man erstmal weiß, was man will, stimmt’s?
    Liebe Grüße
    Regina

  2. baumpurzel

    Hey,
    „Also, ich kann immer nur sagen: wenn Dir was in den Sinn kommt, dass Du ernsthaft ausprobieren möchtest: MACH ES .“ Da hatte ich Gänsehaut. Die perfekte Aussage. Für alles 🙂

  3. Margareta

    Na, das nenne ich mal epischen Senf! Cool! Außerdem, wer, wenn nicht ‚alte Partynasen und Piercingglitzertussis‘ soll denn handarbeiten, bitte schön? Wir können ja nicht alles der gehobenen Gesellschaft mit ihren exklusiven (Woll)boutiquen überlassen! Stricken für alle – es lebe die Demokratie!

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